Literatur im Erzgebirge - Literatura v Krušných Horách

Den Lesesaal betritt im Mai die 16jährige Emilie Rother aus Crottendorf. Beim Nachwuchsförderpreis der Literatur im Erzgebirge gewann sie mit ihrer Geschichte den Hauptpreis.

Nochmals Herzlichen Glückwunsch und Alles Gute für die Zukunft. Wir hoffen, noch viel von Emilie lesen zu können!

Das kleine Café an der Ecke

Ich renne über die alten Straßen durch die immer kälter werdende Stadt. Jeden Tag das Gleiche: aufstehen, anziehen, zur Uni und danach zur Arbeit sprinten. Außer an den Tagen an denen ich keine Vorlesungen habe, da komme ich gerade immer rechtzeitig zu meinem kleinen Nebenjob.
Die Straßen werden mit jedem Tag rutschiger und so komme ich schlitternd vor dem kleinen Café an der Ecke zum Markt stehen. Es ist ein altes Café, vermutlich noch aus Kriegszeiten, und strahlt mit seinem Aussehen einen gewissen Trotz aus, so als würde es sagen wollen “Ich stehe schon 50 Jahre hier und werde auch weitere 50 Jahre stehen bleiben”. Der gelbliche Putz bröckelt an manchen Stellen schon von den Wänden und die grüne Tür bräuchte dringend mal einen neuen Anstrich. Vor den alten, durch den Frost angelaufen Fenstern hängen alte Fensterläden von denen die grüne Farbe schon so verblasst ist, dass man das Grün nur noch erahnen kann und die teilweise so schief hängen, dass es an ein Wunder grenzt, dass sie noch hängen. Das einzig Neue an diesem Haus ist das kleine “Geöffnet”-Schild an der Tür, welches schon, seit vermutlich immer, täglich von 9 bis 17 Uhr dort baumelt.
Und trotz allem kann ich mich an keinen einzigen Tag erinnern, an dem dieses Café nicht mit seinem Charme die vorbeigehenden Leute angezogen hat. Für die Bewohner zählt es zum Inventar, ein Ort, an dem man sich noch vor der Arbeit einen Kaffee holt, sich mit anderen verplappert und, obwohl man pünktlich aufgestanden ist, doch zu spät zur Arbeit kommt. Und für die Touristen gehört es wohl zu einer Art Kult nachdem man sich unser kleines historisches Städtchen angesehen hat, sich noch in das kleine Café an der Ecke zu setzen und ein Stück des viel zu süßen Erdbeerkuchens zu genießen.
Ich arbeite hier schon seit zwei Jahren, um mir mein Studium finanzieren zu können und die Miete meiner kleinen Wohnung zu bezahlen. Es ist verwunderlich, dass dieses kleine Städtchen überhaupt eine Uni besitzt, aber das scheint hier niemanden zu stören und außerdem tut es der Stadt gut. Sie wirkt gleich viel belebter, wenn die Studenten über die Straßen rennen, um noch rechtzeitig zur Vorlesung zu kommen. 

Ich betrete das kleine Haus und genieße erst einmal die Wärme, die hier herrscht, bevor ich mir eine Schürze umlege und beginne die Kunden zu bedienen. Es hat fast schon etwas Nostalgisches die Menschen hier zu beobachten und ein Stück weit an ihrem Leben teilzuhaben, wenn sie einem von ihrem Tag erzählen, während man als Student kaum Zeit hat, selbst etwas zu erleben.
Ich beobachte gerne die Menschen und weiß fast schon sofort wenn sie den Laden betreten, welches Geschehen sie hierher verschlagen hat. Da gibt es zum einen die Studenten; einmal die, die ganz frisch zum Studieren hierher kommen und sich noch überhaupt nicht bereit dazu fühlen erwachsen zu werden, Entscheidungen zu treffen oder von zu Hause auszuziehen. Sie sind wie Vögel, die man aus dem Nest geworfen hat, ohne ihnen zu erklären wie man fliegt. Und dann gibt es noch die Studenten, die das alles schon gewohnt sind und sich nur noch nach einer anstrengenden Prüfung entspannen möchten und sich wünschen, alles wäre schon vorbei.
Die Touristen erkennt man sofort. Meistens haben sie einen Fotoapparat um den Hals hängen, einen Stadtplan in der Hand und ein zufriedenes Lächeln im Gesicht, während die Kinder ihre schmerzenden Füße vom vielen Laufen beklagen. Dann essen sie ein Stück der hausgemachten Torte, bekunden wie schön es hier doch ist und verschwinden dann mit einem etwas wehmütigen Blick, weil ihr Urlaub schon vorbei ist.
Von den Einwohnern sieht man so gut wie jeden Tag die Gleichen hier. Eine alte Dame sitzt immer am Fenster und trinkt genau zwei Tassen Tee, eine für sich und eine für ihren verstorbenen Mann. Eigentlich mag sie Tee gar nicht, aber ihr Mann habe nie etwas anderes getrunken. Am Nachmittag kommen zwei Großmütter und debattieren dann darüber, welchen Kuchen sie heute probieren, obwohl es jeden Tag das Gleiche gibt. Zum Mittag kommen noch einmal viele, um im Café ihre Mittagspause zu verbringen und am Morgen werden schon fast alle Brötchen verkauft und die Kaffeemaschine, die ihre besten Tage schon hinter sich hat, kommt vorerst nicht zum Stillstand. 

Auch wenn ich seit zwei Jahren nichts anderes gesehen habe und fast jeden Tag das Gleiche passiert, würde ich nichts ändern wollen. Sollen sich die anderen doch mit der Politik, Wirtschaft, Kriminalität in Großstädten, Killerclowns und Attentätern beschäftigen, aber die Geschichten die sich hier abspielen, gibt es nur hier und nirgendwo anders. Hier, im kleinen Café an der Ecke.

News

Lesesaal Juli 2017 - Weda Natalie Berger, Teilnehmerin am 8. Nachwuchsförderpreis der Literatur im Erzgebirge, stellt  hier ihre Geschichte vor "Das große Weinbergschneckenrennen"

KrimiLeseTour - das deutsch-tschechische Gemeinschaftsprojekt "Schatten über dem Erzgebirge" stellt sich der Öffentlichkeit vor. Alle Infos hier JETZT NOCH AKTUELLER: MIT RÜCKBLICK!!

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