Literatur im Erzgebirge - Literatura v Krušných Horách

Zum mittlerweile 9. Mal organisiert die Baldauf Villa mit ihrem Projekt Literatur im Erzgebirge den Nachwuchsförderpreis. Genauso wie die Begeisterung für das Geschichten lesen, kann es für grosse und kleinere Kinder atemberaubend sein, selber etwas zu dichten und zu schreiben. 

„ZEIT“ ist dieses Jahr das ausgeschriebene Thema. Ein bewußt weitgefasster Grundgedanke, um die Fantasie der Kinder und Jugendlichen nicht in eine Bahn zu zwingen und literarische Freiräume zu schaffen. Und diese Freiräume wurden reichlich genutzt, was die Arbeit der Jury so richtig interessant gemacht hat.

Theresa Uhlig aus Oederan war eine der Einreicher(innen), die den Nachwuchsförderpreis 2018 mit ihrer Geschichte belebt hat. Zitat Jury: "tiefgründiger Aufarbeitungsversuch des Zeitbegriffs an hand (erlebter?) Handlung"

Die Frage nach der ZeitMelancholiebild

Nach dem Unterricht trat Anna zu Herr Schmidt an die Tafel. „Entschuldigung“, begann sie langsam. Zögernd. Sie räusperte sich. „Was glauben Sie, was Zeit bedeutet?“ Er drehte sich nicht zu ihr um. Legte die Kreide nicht aus der Hand. Er vergaß sie zwischen den Fingern, als er sie säubern wollte. Sie fühlten sich taub an. Alle zehn. Er hatte keine Antwort für sie. Er hatte sie sich abgewöhnt. Tabea. Das war lange her. Er erinnerte sich an sie. Er würde sich immer an sie erinnern. Immer. Lange. All diese Worte, die sie immer vermieden hatte. Er hatte sie nicht lange gekannt. Drei Monate. In Tagen waren es 62; er hatte sie zu oft gezählt. Wie sie dagestanden hatte, an diesem verregneten ersten September, kurz vor dem Altweibersommer, knapp nach dem ersten Sturm. Tabea. Mit strähnig-nassem Haar und einem Lächeln so edel wie der Schmuck, der im Schaufenster des Juweliers auslag, an dem er auf dem Heimweg vorbeikam und vor dem sie gefroren hatte. Nein, nicht gefroren, erinnerte er sich. Sie hatte nur gezittert. Kann ich Sie mitnehmen? Ja, gern. Es waren zwei Stunden gewesen. Die schönsten seines Lebens. Tabea lebte ein Stück entfernt, in einem Ort, dessen Namen er verdrängte, um sich nicht eines Tages auf seinem Marktplatz wiederzufinden und der Versuchung zu widerstehen, ihn mit dem Auto zu durchfahren, wenn er seine Tochter besuchte. Lara heißt sie? Ein schöner Name. Danke, Tabea. Danke. Verdammt! Er schuldete ihr mehr als dies Wort. Zwei Wochen nach dem Regen war sie eingeliefert worden. In ein Krankenhaus. Jeden Tag war er zu ihr gefahren, so, wie er jetzt noch zu ihr fuhr. In den Ort, dessen Namen er verdrängte. Er brachte Blumen und Geschenke – ein Buch oder eine CD. Bücher hatte sie immer gemocht. Papier ist geduldig, hatte sie jedes Mal gesagt. Ja. Vielleicht war es ihr darum gegangen. Geduld. Er versprach ihr, wiederzukommen; ständig versprach er ihr das. Hör auf, hatte sie immer gesagt. Hör auf. Und er hörte auf. Er gab sich wirklich Mühe damit. Doch es fiel ihm schwer, nicht zu schwören. Da war viel gewesen, was offenblieb, wovon er hoffte, dass es ewig offen bleiben würde. Er hatte oft dafür gebetet. Seitdem war Beten nichts als Betrug. Tabea antwortete nicht, das tat sie nie, egal, ob er fragte, egal, ob er schwieg. Sie tat, als bedeutete es nicht viel. Was die Ärzte dachten. Was sie dachte. Sie hatte nie in Zeiten gedacht. Hatte nie viel von Zeit gehalten. Seit er sie kannte nicht. „Hör auf“, sagte sie nur. Bis zu dem Montag im November, dem letzten des Monats, an dem sie gar nichts mehr zu ihm sagte. Die Schwester war es, die ihm die Umstände schilderte. Ihm ihr Mitleid versicherte. Mitleid. Vielen Dank. Sie hatte nicht an Versprechen geglaubt. Und trotzdem fühlte er, dass er sie ihr schuldig blieb. Mehr als nur eines. So viele davon. Er hätte sie selbst gern gehabt. Ja. Manchmal vergaß er, dass Versprechen gebrochen werden konnten. Herr Schmidt ließ die Arme sinken; die Kreide klebte an seiner Haut, als er die Fingerkuppen aneinanderpresste. Die Zeit hatte so vieles versprochen. Doch sie garantierte nur eines. Die Endlichkeit der Dinge. Fast schien ihr das Spaß zu machen. Wenn es ihr schon so gut gefiel, warum versuchte sie dann nicht einmal, sich selbst dazuzuzählen? Weil sie grausam ist, dachte er. Ja. Genau deswegen. Das konnte er dem Mädchen nicht sagen. „Zeit“, sagte er leise, beinahe ausdruckslos. Das Wort hing in der Luft zwischen ihnen. Taub wandte er sich zu ihr um. „Z wie 'Zauber'. E wie 'endlich'. I wie 'In Liebe'. T wie 'Tabea'.“

News

"e arzgebirgsches Madl" - Luisa Weinhold hat mit ihrem Gedicht "südwärts" zum Nachwuchsförderpreis 2016 gepunktet. Hier in voller Länge.

Bilder, Rückblicke und Kommentare zu den offenen Lesebühnen gibt´s hier

KrimiLeseTour 2018 - das deutsch-tschechische Gemeinschaftsprojekt "Schatten über dem Erzgebirge II" stellt sich der Öffentlichkeit vor. Alle Infos hier!

Herzlich Willkommen im Kreis der Erzgebirgsautoren
Monika Tietze, Dieter Schönherr, Katrin Albrecht, Werner Katzschner

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